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Date Article

1 déc. 2016

Auteurs

Thomas Hurschler

Mots-clefs

Suisse alémanique, Obwald, 16e siècle, Architecture, Décor intérieur, a+a, Histoire culturelle

Repräsentationsräume der Familie Imfeld in Sarnen

Obwaldner Beispiele frühneuzeitlicher Festsäle in den Urkantonen

Thomas Hurschler

Auch in den Urkantonen entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert eine neue wirtschaftliche und politische Führungsschicht, die ein umfassendes Programm der Selbstdarstellung entwickelte. Dazu gehörte der Bau von Repräsentationsräumen, die in der Literatur als Trinkstuben, Keller- und Estrichsäle bezeichnet werden und bislang wenig erforscht sind.

Die Blockbautradition in den Urkantonen

Der Kantholzblockbau über einem gemauerten Sockelgeschoss war über Jahrhunderte die übliche Konstruktionsweise für Wohnbauten in der heutigen Zentralschweiz. Dieser Bautyp war nicht nur für den bäuerlichen, sondern bis zum ausgehenden 16. Jahrhundert und in grossen Teilen gar noch weit ins 17. Jahrhundert hinein auch für den herrschaftlichen Hausbau massgebend. Und dies, obwohl die Erbauer – meist einflussreiche Militärunternehmer – durch ihre Tätigkeit in fremden Diensten enge Beziehungen nach Italien, Frankreich oder auch Spanien pflegten1. Gründe für das Beharren auf dieser Bautradition können zum einen in einer gewissen gesellschaftlichen Erwartungshaltung, zum andern auch in einer Geschichts- und Traditionsverbundenheit zu finden sein. So wurde beispielsweise der Obwaldner Landammann Balthasar Heintzli gemassregelt, als er 1546 in Sarnen einen reinen Steinbau (Dorfplatz 1) errichten liess. Einer seiner Gegner forderte ihn auf, sein Haus mit «Zwing-Unterwalden» zu beschriften, dem Verweis auf die Burg Zwing-Uri, die gemäss dem Weissen Buch von Sarnen zur Unterdrückung der Urschweizer errichtet worden sein soll. Die Verbundenheit mit der väterlichen Bautradition wird auch daran deutlich, dass der Schwyzer Landammann Dietrich In der Halden das um 1287 erbaute und von seinem Vater ererbte Bethlehemhaus in Schwyz 1544 auf ein neues Sockelgeschoss mit Festsaal stellen liess. Dieser tradierte, herrschaftliche Bautyp hebt sich durch Grösse und Detailreichtum, ab dem 16. Jahrhundert insbesondere aber durch ein steilgiebliges Dach ab, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch für den bäuerlichen Wohnbau adaptiert wurde. Er ist insbesondere in den Urkantonen, jedoch auch bis in luzernische Gebiete nachgewiesen2. Eine kantonsübergreifende Untersuchung dieser frühneuzeitlichen Herrschaftsbauten ist jedoch noch ausstehend.

Die Raumtypen Keller- und Estrichsaal

An repräsentativen Räumen fehlte es trotz der traditionellen Bauweise nicht. Wohl bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts waren dies herrschaftlich ausgestattete Stuben im ersten Wohngeschoss. Während zur Innenausstattung dieser frühen Bauten sonst relativ wenig bekannt ist, wurden gerade in den letzten Jahren mehrere Beispiele von teilweise vollständig ausgemalten Stuben dokumentiert.3 Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts sind auch im Sockel- und im Dachgeschoss zahlreicher Bauten festlich ausgestattete Räume nachgewiesen. Die meist ausgemalten Räume in den Sockelgeschossen werden als Kellersäle oder Trinkstuben bezeichnet, jene im Dachgeschoss als Dach- oder Estrichsäle, die entweder mit einer Holzausstattung oder wie in den nachfolgend beschriebenen Beispielen ebenfalls mit Malereien ausgestaltet waren.4

Erste Beispiele

Das erste bekannte hochgieblige Haus der Zentralschweiz ist das Von Wyl-Haus in Sarnen (Dorfplatz 9), das 1502/04 durch den wohlhabenden Obwaldner Landammann Arnold Frunz erbaut wurde.5 An diesem Bau wird deutlich, welche Möglichkeiten die neue Dachform eröffnete: Historische Darstellungen und die Ergebnisse der bauarchäologischen Untersuchungen belegen, dass sich im Dachgeschoss bereits in diesem frühen Beispiel ein grosser Saal befand, der die Hauptstube in der Fläche gar leicht übertraf. Über dessen Nutzung und ursprüngliche Ausstattung ist jedoch nichts bekannt. Ob in diesem Bau bereits ein Kellersaal existierte, kann heute nicht mehr beantwortet werden.

Der erste bekannte Festsaal im Sockelgeschoss ist der bereits erwähnte, 1544 datierte Saal im Haus des Dietrich In der Halden in Schwyz. Der fragmentarische Erhaltungszustand der Malereien lässt nur einen Teil des Bildprogramms rekonstruieren. Mit dem Urteil des Paris zeigte es eine Szene aus der griechischen Mythologie, daneben eine religiöse Szene mit der Anbetung durch die Heiligen Drei Könige.

Insbesondere Angehörige der Familie Imfeld, die durch das Söldnerwesen reich und politisch einflussreich geworden waren, liessen in Sarnen zahlreiche, heute noch erhaltene herrschaftliche Wohnbauten errichten, in denen zumindest einer der oben beschriebenen Raumtypen nachgewiesen ist. Dazu gehören auch einige Säle, die der Historiker, Archivar und Kunstdenkmälerautor Robert Durrer Ende des 19. Jahrhunderts noch dokumentieren konnte, die aber in der Zwischenzeit leider zerstört sind.

Anhand einiger Beispiele, die innert dreier Generationen entstanden sind, sollen diese Raumtypen vorgestellt und die Dynamik, die zu ihrer Entstehung führte, etwas beleuchtet werden.

Der Kellersaal Niklaus Imfelds

Wohl im selben Jahr, in dem In der Halden in Schwyz sein Bethlehemhaus umbauen liess, spätestens aber 1554 liess Niklaus Imfeld (um 1490–1556) in Sarnen für sich und seine Familie das sogenannte Salzherrenhaus (Bahnhofstrasse 4) erbauen. Imfeld war in Lungern geboren worden, zog nach Sarnen, wo er 1531 als Richter und 1537 als Ritter verzeichnet ist. Er war Hauptmann im Dienste des französischen Königs, Landvogt der Grafschaft Baden, ab 1545 verschiedentlich Tagsatzungsabgeordneter sowie ab 1548 Obwaldner Landammann.

In Niklaus Imfelds Haus gab es einen Kellersaal, der ebenerdig durch das Portal in der Hauptfassade betreten werden konnte. Die in der Zwischenzeit leider zerstörten Malereien datierten zur Hauptsache von 1554. Robert Durrer hat den Kellersaal während dessen Zerstörung 1899 noch dokumentieren können. Er beschreibt, dass die Wände mit grünem Rankenwerk übersponnen waren, in dem sich Reste von fast lebensgrossen Hirsch- und Gämsfiguren erkennen liessen. In den Fensterlaibungen waren Narrenfiguren mit erläuternden Versen aus Thomas Murners Narrenbeschwörung dargestellt. Bereits zwei Jahre nach der Ausschmückung des Saals verstarb Niklaus Imfeld, und das Haus ging an seinen gleichnamigen Sohn über. Um 1562 wurde das Haus durch einen Brand so stark beschädigt, dass der gesamte Blockbau über dem noch bestehenden Sockel neu errichtet werden musste. In diesem Zusammenhang erhielt der Festsaal offenbar eine neue, mit zarten Rankenornamenten bemalte Decke.

Ab. 1 Dokumentation der Malereien des Kellersaals im sog. Salzherrenhaus (Bahnhofstrasse 4) durch Robert Durrer vor deren Zerstörung 1899 (Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Band 6 (1888–1891), Heft 24-4, Tafel XXI, Fig 3 und 4)

Die Säle Marquard Imfelds

Bereits 1571 starb auch der Sohn Niklaus, und das Haus ging in den Besitz seines Bruders Marquard (nach 1520–1601) über, der die Stammfolge der Imfeld in Sarnen sichern sollte. Marquard war wie sein Vater Ritter, Hauptmann im Dienste des französischen Königs, Obwaldner Landammann und mehrfach Tagsatzungsabgeordneter. Obwohl das äusserst stattliche Salzherrenhaus kaum zehn Jahre alt war, genügte ihm das ererbte Haus als Wohnsitz offensichtlich nicht. In vierter Ehe war er mit Katharina Lussi, der Tochter des Nidwaldner Landammanns Melchior Lussi, verheiratet, mit dem ihn wohl auch eine Freundschaft verband. Lussi konnte dank seiner Einkünfte als Oberst in venezianischen Diensten seiner ausschweifenden Bauleidenschaft frönen. So liess er beispielsweise in seinem Winkelriedhaus in Stans vermutlich um 1563 einen Estrichsaal mit üppiger Ausstattung einrichten und baute 1586 für seine vierte Frau Agatha Wingartner das Hechhuis in Wolfenschiessen, ein beeindruckendes hochgiebliges Haus mit einem die ganze Haustiefe einnehmenden Festsaal im Dachgeschoss.

Vermutlich beeinflusst durch den Bau seines Schwiegervaters und vielleicht auch durch entsprechende Wünsche seiner Frau Katharina, liess Marquard 1588/89 in Sarnen das schräg gegenüber dem Salzherrenhaus stehende Haus am Grund, das seine Mutter in die Familie gebracht hatte, massgeblich umbauen. Unter Inkorporierung eines mittelalterlichen Wohnturms aus dem Bestand des Vorgängerbaus entstand so ein Doppelhaus unter einem einheitlichen Dach mit einem Massivbau im Nordosten (Grundstrasse 1) und einem mächtigen Blockbau im Südwesten (Grossgasse 3).

Ab. 2 Den ältesten Teil des mehrheitlich 1588/89 entstandenen Doppelhauses am Grund (Grundstrasse 1 und Grossgasse 3) bildet ein mittelalterlicher Wohnturm, in dem sich der Estrichsaal befindet. Der kleine Kellersaal befindet sich rechts neben dem Eingang ins Sockelgeschoss. Foto Thomas Hurschler, 2016

Im Sockelgeschoss des Blockbaus liess Marquard einen kleinen Kellersaal, im Dachgeschoss des Massivbaus einen grossen Estrichsaal erstellen.6 Ein weiterer Estrichsaal im Blockbau kann aufgrund von dessen Raumstruktur ausgeschlossen werden. Den Kellersaal liess Marquard im Gegensatz zu seinem Vater nicht ausmalen, sondern mit einer Stuckbalkendecke mit Flachtonnen ausstatten und die Wände mit Stuckreliefs verzieren. Dabei handelt es sich um Abgüsse, deren Models wohl aus der Werkstatt eines Hafners stammten. Diese zeigen nebst der Krönung Mariens primär Einzelfiguren aus der griechischen Mythologie und dem Alten Testament. Vergleichbare Beispiele für diese originelle und für die Region sehr frühe Stuckausstattung sind nicht bekannt.

Ab. 3 Haus am Grund (Grossgasse 3), Kellersaal des Marquard Imfeld von 1588/89, heute Ladenlokal. Foto Robert Durrer, um 1900, Staatsarchiv des Kantons Nidwalden

Der Dachsaal war anfänglich nur zurückhaltend ausgestaltet. Das Fachwerk war rot gestrichen, und auf die weiss getünchten Ausfachungen wurden rote Begleitlinien aufgemalt. An der Holzdecke liess sich für diese erste Phase lediglich eine rötliche Lasur nachweisen. Ein erhaltenes Brusttäfer auf der Nordwand könnte ebenfalls zur Ausstattung Marquards gehören.

Der Kellersaal Johann Imfelds

Marquard Imfeld hatte aus dritter Ehe einen Sohn und aus der erwähnten vierten Ehe mit Katharina Lussi vier weitere Kinder. Sein ältester Sohn Johann (um 1567–1649) begann seine Karriere wie seine Vorfahren in französischen Diensten, später warb er dreissig Jahre lang Kompanien für Spanien an. Er war zudem Ratsherr, Landseckelmeister und Tagsatzungsabgeordneter, Landvogt zu Baden und mehrfach Obwaldner Landammann. Im Jahr 1600 baute er etwas ausserhalb des Ortskerns das Haus an der Rüti (Brünigstrasse 168), einen hochgiebligen Blockbau auf gemauertem Sockelgeschoss. Wie sein Grossvater und sein Vater liess auch er einen Kellersaal erstellen, den er durch Sebastian Gisig, einen 1573 in Stans geborenen und 1649 in Sarnen verstorbenen Kunstmaler, ausmalen liess. Imfeld beauftrage Gisig, zwölf seiner Vorfahren in Rüstung und in kniender Gebetshaltung auf die Wände zu malen. Eine kassettierte Felderdecke schloss den Raum nach oben ab, auf dem Unterzug waren aus Hans Salats Tanngrotz entnommene Verse eingekerbt: O HOCHSTER GOT IN DINEM DRON / DER DV HAST BSCHAFFEN SVN VND MON // DEN HIMEL VND ERDEN BREIT / DARVM O HELGE DRYFALDIGKEIT // AVCH MARIA GOTESMVTER REIN / DEM HIMLISCHEN HER AVCH INGEMEIN / ES SOL VCH LOB BEWISEN WÄRDEN / VON VNS CHRISTEN HIE VF ERDEN // DVRCH VCH WARD GERD DER GOTLICH NAMEN / DIE DAS BEGAREN DIE SPRÄCHEN AMEN 1604.

Ab. 4 Haus an der Rüti (Brünigstrasse 168), Kellersaal des Johann Imfeld von 1600/04, ausgemalt durch den regionalen Künstler Sebastian Gisig, heute leider zerstört. Foto Robert Durrer, um 1900, Staatsarchiv des Kantons Nidwalden

Der Estrichsaal Peter Imfelds

Der in Lungern geborene Peter Imfeld (1556–1628) zog – wie knapp achtzig Jahre zuvor sein Verwandter Niklaus Imfeld – nach Sarnen, da er wohl erkannt hatte, dass ein solcher Wohnortwechsel auch für ihn in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht lohnend sein würde. Er kaufte 1604 das bereits erwähnte Steinhaus am Dorfplatz in Sarnen (Dorfplatz 1) und liess es umbauen. Dabei beauftragte er denselben Maler Gisig wie sein Verwandter Johann Imfeld mit der Ausmalung des bereits bestehenden Dachsaals. Er liess den oben zitierten Inhalt der Balkeninschrift seines Verwandten bildlich an der Decke umsetzen: Umgeben von den Gestirnen und Wolken, ist die Dreifaltigkeit mit Gottvater, Jesus und dem Heiligen Geist in Taubengestalt dargestellt, mittig darunter die in den Himmel aufsteigende Maria. Begleitet wird die Szene von vier fast lebensgrossen Engeln. Einer der Engel hält für Maria die Himmelskrone bereit. Die Wandfläche über dem westlichen Fenster zeigt auch noch eine Verkündigungsszene, die ebenfalls von Gisig geschaffen wurde.

Ab. 5 Steinhaus (Dorfplatz 1), Estrichsaal des Peter Imfeld, ausgemalt 1604 von Sebastian Gisig, stark restauriert Ende des 19. Jh. Foto Robert Durrer, um 1900, Staatsarchiv des Kantons Nidwalden

Die Ausmalung des väterlichen Estrichsaals durch Melchior Imfeld

1607, also drei Jahre später, erhielt der Maler Gisig erneut einen Auftrag für die Ausmalung eines Saals. Melchior Imfeld (1573–1622), der zweite Sohn Marquards und Halbbruder Johanns, der in der Zwischenzeit das von seinem Vater erbaute Haus am Grund übernommen hatte, wollte den dortigen schlichten Estrichsaal aufwerten. Der Saal sollte offenbar die bisher beschriebenen Säle übertreffen. Dazu vereinte er die Bildprogramme seines Stiefbruders Johann und seines Verwandten Peter und ergänzte sie durch weitere Darstellungen. Entstanden ist ein Ausdruck für das Repräsentationsbedürfnis des damals 34-jährigen Melchior, das auf dem Stolz auf seine ritterliche Herkunft, den militärischen und politischen Einfluss sowie die wirtschaftliche Potenz seiner Vorfahren gründete.

Die traufseitigen Riegelfelder nutzte er, um die Ahnengalerie seines Halbbruders zu kopieren. Allerdings liess er die Ahnen nicht mehr in Gebetshaltung, sondern mit ständischem Selbstbewusstsein darstellen. Die Deckenmalerei entspricht praktisch fast jener seines Verwandten, nur halten in seiner Darstellung Jesus und Gottvater die Krone Mariens zu deren Krönung in der Hand, und die Sterne, die die Szene umgeben, liess er in Blattgold applizieren.

Ab. 6 Haus am Grund (Grundstrasse 1), Estrichsaal, Vorfahren aus der Ahnengalerie Melchior Imfelds, Sebastian Gisig 1607, restauriert 2015. Foto Stöckli AG Stans, 2015

Auf der südwestlichen Wandfläche ist zusätzlich zu den erwähnten Bildinhalten eine vier Generationen umfassende Ahnentafel abgebildet. Über einem Paradiesbaum, der von Adam und Eva flankiert wird, sind in einer Inschrift die Namen der Kernfamilie Melchiors aufgeführt: sein Vater Marquard und dessen vierte Frau Katharina mit ihren gemeinsamen vier Kindern Melchior, Wolfgang, Niklaus und Barbara. Unterhalb der Paradiesdarstellung werden Melchiors vier Grosseltern und seine acht Urgrosseltern genannt. Mit dieser von Gisig gemalten Ahnenprobe liess Marquard seine über zwei Generationen zurückreichende ritterliche Abstammung und seine Nobilität dokumentieren.

Ab. 7 Haus am Grund (Grundstrasse 1), Estrichsaal, Ahnentafel des Melchior Imfeld, Sebastian Gisig 1607, restauriert 2015. Foto Stöckli AG Stans, 2015

Besonders imposant ist die grösste und qualitativ besonders auffällige Malerei auf der nordöstlichen Giebelwand, die eine allegorische Gegenüberstellung von Jung und Alt, Arm und Reich zeigt: Ein junger, offensichtlich mittelloser Edelmann zieht links im Bild freundlich seinen Hut. Die Spielkarten, mit denen er wohl seinen Sold oder sein Erbe verspielt hat, liegen noch zu seinen Füssen. Ihm gegenüber sitzt ein alter Geizhals, der Trübsal blasend, umgeben von Silbergefässen, Gülten und Geldkisten, dargestellt ist. Unter den beiden Personen befinden sich die Kommentare «Muott ahne guott» bzw. «Guott ahne Muott» und über ihnen in einem von einem Engel getragenen Schriftband die nur noch fragmentarisch erhaltene und daher hier nur sinngemäss wiedergegebene Botschaft: Teilten sie gleich, so wären beide reich. Für diese Bildkomposition ist seit kurzem die verwendete Vorlage bekannt. Gisig orientierte sich mit erstaunlicher Detailtreue an einem rund zehn Jahre zuvor vom Zürcher Kupferstecher Christoph Murer (1558–1614) veröffentlichten Stich.7 Murer war einer der bedeutendsten Stechkünstler und ein herausragender Glasmaler seiner Zeit.

Ab. 8 Haus am Grund (Grossgasse 3), Estrichsaal, Allegorie von Jung und Alt, Sebastian Gisig 1607, restauriert 2015. Foto Stöckli AG Stans, 2015

Die Darstellung an der gegenüberliegenden Wand zeigt die Schlacht an der Milvischen Brücke 312 n. Chr. Der siegreiche Kaiser Konstantin reitet über die Brücke, während der unterlegene Maxentius mit den Fluten des Tibers kämpft. Die im Gegensatz zur obigen Darstellung weniger ausgefeilte Bildkomposition lässt darauf schliessen, dass hier keine Vorlage umgesetzt wurde, sondern eher einzelne Elemente aus verschiedenen Bildvorlagen zusammengefügt wurden. Gewisse Bezüge lassen sich zur Darstellung Raffaels (1483–1520) herstellen, der die Schlacht im Vatikanspalast gemalt hatte. Hier zeigen sich augenfällig die engen Verbindungen nach Italien, die auch in der Kunst und Wissenschaft nördlich der Alpen zunehmend zur Auseinandersetzung mit antiken Themen führten.

Weitere Säle in Sarnen, Stans und Bürglen

Eventuell als Antwort auf diesen Saal liess der oben erwähnte Peter Imfeld 1608 in einem Erweiterungsbau seines Hauses nochmals einen Saal errichten, von dem jedoch nichts weiter bekannt ist. Aus den weiteren, im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts erbauten Häusern der Familie Imfeld sind nur noch zwei Säle – ein Estrichsaal von 1643 im Grosshaus an der Hofmatte (Rütistrasse 23) und ein Kellersaal im nicht genauer datierten Haus am Grundacher (Gesellenweg 4) – erhalten, Letzterer wurde jedoch bereits in barocker Manier als Sala terrena in direktem Bezug auf den davor liegenden Garten konzipiert. Aus den wenigen noch erhaltenen, aber meist mehrfach umgebauten Häusern der mindestens ebenso einflussreichen und vermögenden Sarner Familie Wirz liessen sich bisher keine entsprechende Repräsentationsräume nachweisen, obwohl davon auszugehen ist, dass es sie gegeben hat.

Das hochgieblige Haus Untere Turmatt in Stans wurde im 16. Jahrhundert von der Magistratenfamilie Keyser erbaut. Im Sockelgeschoss befindet sich ein Kellersaal, der Dachraum wird zum grössten Teil von einem Estrichsaal eingenommen. Die reichen Wand- und Deckentäferausstattungen und die gemalte Ahnenreihe entstanden wohl um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Im hochgiebligen Trachslerhaus in Stans – ein Patriziersitz aus dem 16. Jahrhundert, der heute leider zerstört ist – soll der Kellersaal nebst einer Kassettendecke und einem farbig glasierten Plattenboden eine vergleichbare Ahnenreihe wie in den Imfeldhäusern aufgewiesen haben. Der Höfli oder Rosenburg genannte, im Kern mittelalterliche Massivbau in Stans wurde unter Bannerherr Johannes Waser während mehrerer Jahrzehnte etappenweise umgebaut. Auf ihn geht der 1606 datierte Estrichsaal mit Felderdecke zurück.

1609 liess Peter Gisler, Ritter und Hauptmann im Regiment Melchior Lussis, auf der Spilmatt in Bürglen einen hochgiebligen Blockbau auf gemauertem Sockelgeschoss errichten. Die Malereien im Kellersaal datieren von 1615 und zeigen ein breitgefächertes Bildprogramm religiösen und profanen Inhalts. Als Autor wird auch hier Sebastian Gisig vermutet. Aus den Jahren 1632/33 stammt ein weiterer Kellersaal in Bürglen, der wohl im Auftrag von Johann Peter von Roll auf der Balmermatte erbaut und ausgemalt wurde. Er zeigt ein weltliches Bildprogramm, das u.a. aus fast lebensgrossem Wild besteht, wie es offenbar in ähnlicher Weise Niklaus Imfeld in Sarnen zum Thema seines Saales gemacht hatte.

Zusammenfassung

Obwaldner Beispiele frühneuzeitlicher Festsäle in den Urkantonen

Die zwischen der Mitte des 16. und dem beginnenden 17. Jahrhundert entstandenen Keller- und Estrichsäle der Familie Imfeld in Sarnen sind ein beeindruckender Beleg für das ausgeprägte Standesbewusstsein und Repräsentationsbedürfnis dieser im Prozess der Aristokratisierung neu entstandenen Oberschicht Obwaldens. Vergleichsbeispiele aus den übrigen Urkantonen zeigen, dass es sich bei den Keller- und Estrichsälen nicht um nur lokal, sondern um regional vorkommende Raumtypen handelt, deren Entstehung und Entwicklung und gegenseitige Beeinflussung jedoch noch zu wenig erforscht sind und zu deren Funktion und Nutzung noch kaum etwas bekannt ist.

Zum Autor

Thomas Hurschler, lic. phil., Studium der Geschichte, Architekturgeschichte und Denkmalpflege. Langjährige Tätigkeiten in den Bereichen Archäologie, Bau- und Ortsbildpflege, heute mehrheitlich freiberuflicher Bauforscher.

Kontakt: t.hurschler@bauuntersuchung.ch

Bibliographie

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Robert Durrer,. «Das ‹Salzherrenhaus› zu Sarnen». In: Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Band 6 (1888–1891), Heft 24-4, S. 579–582.

Karl Imfeld. «Die Imfeld von Obwalden von den Anfängen bis 1700». In: Obwaldner Geschichtsblätter, Heft 21, 1997, S. 169–560.

Thomas Hurschler, Eva Schäfer, Roland Sigrist. «Sarnen: Haus am Grund, Estrichsaal. Statische Sicherung und Restaurierung». In: Kultur- und Denkmalpflege in Obwalden, Jahresheft 9 2014–2015. Sarnen 2016, S. 142–149.

Das Bürgerhaus in der Schweiz. Hrsg. vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein, Zürich, Bde. 1 und 30, 1910–1937.

Roger Strub. «Dierikon. Landsitz ‹Schlössli Götzental›». In: Archäologie, Denkmalpflege, Geschichte. Historische Gesellschaft Luzern, Jahrbuch 28/2010. Luzern 2010, S. 120–130.

Eduard Müller. «Die Malereien im Kellersaal des Hauses Spilmatt». In: Historisches Neujahrsblatt, Historischer Verein Uri, Band 100, 2009, S. 43–56.

Markus Bamert, Markus Riek (Hrsg.). Herrenhäuser in Schwyz. Bern 2012.

Die Bauernhäuser der Schweiz. Hrsg. von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Bde. 12, 20 und 22.


1 Diese Traditionsverbundenheit wurde beispielsweise im Flecken Schwyz um 1600 jäh durchbrochen, und es entstanden innert weniger Jahre mehrere herrschaftliche Massivbauten: Grosshus 1604, Ital Reding-Haus 1609, Reding-Haus 1614.

2 Schlössli Götzental, erbaut zwischen 1582 und 1591 durch den Luzerner Patrizier Jost Pfyffer von Wyher. Im Sockelgeschoss befindet sich ein Saal, der die ganze Hausbreite einnimmt. An den Fassaden dieses und zahlreicher weiterer Bauten ist zudem eine vollflächige Rotfassung nachgewiesen, die zur Exklusivität dieses Bautyps beigetragen hat. Sie wird auch als Ausdruck der hohen Gerichtsbarkeit gedeutet, die die Hausbesitzer innehatten. Vgl. hierzu: Walter Zünd, Roland Sigrist. «Die roten Landammänner-Häuser in Obwalden vor 1800». In: Kultur- und Denkmalpflege in Obwalden, Jahresheft 6 2011, S. 39–61.

3 Steinen, Herrengasse 15; Schwyz, Gütschweg 11–13, heute im Archiv für Schweizer Geschichte; Menzingen, Blumenweg 4 und Hauptstrasse 6 und 7; Stube aus dem Imfeld-Haus im Unterdorf Sarnen, heute im Museum Bruder Klaus in Sachseln; Stube aus Beckenried, heute im Nidwaldner Museum in Stans.

4 In den Bauernhäusern, die diese hochgieblige Konstruktion ab dem 18. Jh. adaptierten, wird die grosse Kammer im Dachgeschoss u.a. auch «Saal» genannt. In der Regel diente sie als Lager- oder Abstellraum. Es gibt jedoch vereinzelte Beispiele mit repräsentativ ausgestatteten Dachkammern auch im bäuerlichen oder ländlichen Kontext.

5 Das Baudatum erscheint im Abgleich mit ähnlichen Bauten erstaunlich früh. Die Datierung beruht auf einer Dendroanalyse aus dem Jahr 1992 und wird archivalisch gestützt.

6 Robert Durrer, der die Decke näher untersucht hat, ordnet sie der Bauphase 1588/89 zu. Durrer KDM, S. 624.

7 H. Bodmer. «Der zürcherische graphische Buchschmuck des 17. Jahrhunderts». In: Stultifera navis. Mitteilungsblatt der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft, Band 3, Heft 3-4, 1946, S. 113.